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Stadtentwicklung und die Proteste im Libanon

Endlich was los in »Hariri City«

Feature
Stadtentwicklung und die Proteste im Libanon
Wo sonst gutbetuchte Touristen vom Golf unter sich blieben, mischt sich nun neben dem Protest gegen die politische Elite Widerstand gegen die Besitzverhältnisse im Beiruter Stadtzentrum. Foto: Mounir Zahran

Libanons Premier Saad Hariri gab in dieser Woche seinen Rücktritt bekannt – der Jubel darüber fiel nirgendwo so enthusiastisch aus wie in dem Teil Beiruts, der einst im Zentrum der Nachkriegsgestaltung seines Vaters stand.

Der Märtyrerplatz und der Riad Al-Solh-Platz sind gefüllt mit Essensständen, Konzertbühnen und Wasserpfeifen. Inmitten des Meers aus Landesfahnen lugt hier und da ein bunter Luftballon hervor, kleine Leuchtdioden blinken zur Abenddämmerung und der Geruch von Zuckerwatte hängt in der Luft. Familien aus allen Bevölkerungsschichten spazieren.

 

Waren es früher vor allem reiche Golfaraber, die es in den edlen Neubaudistrikt Downtown zog, versammeln sich in diesen Tagen Beiruts Ottonormalbürger im Stadtzentrum. Musik der zeitlosen Fairuz ertönt, der Stolz der Libanesen – und eigentlich der gesamten arabischen Welt –, wenig später auch die Nationalhymne. Die Menschen singen mit. Ein paar Meter entfernt tanzen die gutbetuchten Studenten der American University Beirut (AUB) zusammen mit Jugendlichen, die aus den sozialschwachen Vierteln Beiruts stammen, zu Techno. Und so fragen Verwandte und Bekannte aus den Nachbarländern, ob die libanesischen Demonstranten doch nicht in Wirklichkeit ein Open-Air-Festival zum Ende der Sommersaison veranstalten.

 

Downtown ist ästhetisch beeindruckend, doch das ehemals pulsierende Zentrum Beiruts gleicht heute einer Geisterstadt.

 

»So sind wir Libanesen halt! Wir können einfach nicht anders«, sagt Faris mit halbironischem und halbernstem Unterton. Der kleingewachsene Mann ist mit seinen Freunden am Märtyrerplatz unterwegs. Er erzählt, dass sie am Wochenende meist gezwungen seien, in die nur zwei Autostunden entfernte syrische Hauptstadt Damaskus auszuweichen. Dort hat sich trotz des seit sieben Jahren wütenden Bürgerkrieges eine beachtliche Klub- und Kneipenszene gebildet. Die üblichen Ausgehviertel Beiruts, Mar Mikhael und Gemmayzeh, können sie sich mit ihrem Gehalt schon lange nicht mehr leisten, von der noch teureren Downtown ganz zu schweigen. »In Syrien ist alles viel günstiger! Da wir den Benzinpreis unter uns aufteilen, geben wir am Ende weniger Geld aus, als das wir es in Beirut ausgegeben hätten«, erzählt Faris, der hauptberuflich als Taxifahrer arbeitet. Dieses Wochenende sind sie aber hier in der Downtown zum Demonstrieren und zum Feiern.

 

Downtown, mit seinen schicken Straßen und prächtigen Bauten, galt vor dem Bürgerkrieg als ein Begegnungsort für alle Hauptstädter. Der Krieg hinterließ eine Ruinenlandschaft und eine geteilte Stadt. Danach durchlief Downtown ein milliardenschweres Wiederaufbauprogramm. Das Ergebnis ist ästhetisch beeindruckend, doch das ehemals pulsierende Zentrum Beiruts gleicht heute einer Geisterstadt.

 

Nicht unerheblichen Anteil daran hatte Rafik Hariri, von seinen Anhängern als die Lichtgestalt verklärt, die ganz allein den Wiederaufbau Beiruts vorantrieb, von Kritikern dagegen als raffgieriger Investor geschmäht, der das einstige Paris des Nahen Ostens an die Superreichen verscherbelte. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. In den 1970er und 1980er Jahren häufte der sunnitische Geschäftsmann immense Reichtümer in Saudi-Arabien an. Später sollte er von 1992 bis 1998 sowie in den Jahren 2000 bis 2004 das Amt des Ministerpräsidenten innehaben.

 

Ab dem Jahr 1994 befanden sich die meisten Grundstücke in Downtown in der Hand von Solidère.

 

1991 schaffte es Hariri, das libanesische Parlament davon zu überzeugen, dem Gesetz Nr. 117 zu zustimmen. Das erlaubte der Regierung, Besitzrechte zehntausender Eigentümer an eine einzige Baugesellschaft zu übertragen. Gemessen am heutigen Wohnungswert waren die Abfindungen lächerlich. Ab dem Jahr 1994 befanden sich die meisten Grundstücke in Downtown in der Hand des libanesischen Bau- und Immobilienunternehmens Solidère. Dessen größter Aktionär war: Rafik Hariri.

 

Hariri hatte eine Vision: Beirut sollte wieder zum wirtschaftlichen Dreh- und Angelpunkt der arabischen Welt werden. Downtown sollte Großinvestoren anlocken, durch Appartements mit Meerblick und Häfen, in denen millionenschwere Yachten ankern. Reiche Touristen aus den Golfstaaten und Europa sollten in das neue Zentrum strömen, die Prachtbauten bewundern und ihr Geld in den zahlreichen Luxusgeschäften lassen. Ein Friedensvertrag mit dem Nachbarland Israel sollte den Investoren langfristige Sicherheit bieten. In seinem Buch zu Hariris Rolle beim Wiederaufbau bezeichnet Hannes Baumann diese Vorgehensweise als »neoliberalen Urbanismus«. Eine auf Gentrifizierung zielende Stadtplanung, die nur den zahlungskräftigen Teil der Bevölkerung im Blick hat.

 

Am 14. Februar 2005 fiel Rafik Hariri einem Attentat zum Opfer. Sein Tod bedeutete für den Libanon ein politisches Erdbeben, der der syrischen Besatzung ein Ende bereiten sollte. Nicht jedoch den Plänen für die Neugestaltung der Innenstadt. Bis 2012 war Downtown ein beliebtes Reiseziel reicher Golfaraber. Doch dann brach der Bürgerkrieg in Syrien aus und der Friedensvertrag mit Jerusalem kam nie zustande. Die Golfstaaten verhängten ihren Bürgern eine Reisesperre für den Libanon. Seitdem ist Downtown, vom Neujahrsfest abgesehen, wie leergefegt.

 

Während viele Bauten aus der französischen Mandatsära wiederkehrten, wurden Gebäude aus der osmanischen Zeit oder aus den 1950er oder 1960er Jahre vernachlässigt.

 

Habib Battah ist seit den 1990er Jahren als Journalist in Beirut tätig und betreibt das Webportal Beirut Report. Zusammen mit anderen Aktivisten dokumentiert er dort die schleichende Gentrifizierung Beiruts. Für Battah bieten die Demonstrationen für die junge als auch die ältere Generation die Möglichkeit, sich an das alte Zentrum zu erinnern, oder es erstmals zu erleben. »Wenn keine Proteste stattfinden, dann ist Downtown kein Ort für den normalverdienenden Beiruter mehr.«

 

Hinsichtlich der Zukunft von Downtown bleibt Battah daher skeptisch. Natürlich missfalle es vielen Menschen, dass Downtown der Oberschicht vorbehalten ist, aber die Regierung denke nicht daran, an dem Zustand etwas zu ändern. »Investoren, Solidère und die Politiker, die darin verstrickt sind, entscheiden letztendlich, wem das Viertel gehört. Der Durchschnittsbeiruter hat in diesem Entscheidungsprozess kaum etwas zu sagen.«

 

Deutlich optimistischer zeigt sich Mona Harb. Die Soziologin forscht an der AUB seit Jahren über den urbanen Raum in Beirut. Den Wiederaufbau von Downtown in den 1990er Jahren verfolgte sie aktiv. Sie spricht von einer »kontextlosen Restauration«. Während viele Bauten aus der französischen Mandatsära wiederkehrten, wurden Gebäude aus der osmanischen Zeit oder aus den 1950er oder 1960er Jahre vernachlässigt. »Das Stadtzentrum hat seine historische Substanz für immer verloren. Das hier Gebaute ist zwar schön anzusehen, hat aber nur noch wenig mit dem Stadtzentrum von früher gemein.«

 

Vor dem Angriff der Amal- und Hizbullah-Anhänger waren mit Zuckerwatte und Flaggen bepackte Familien von Stand zu Stand geschlendert.

 

Doch Harb gibt sich nicht resigniert. Zwar sei Downtown in seiner ursprünglichen Gestalt für immer verloren, doch könnten die Proteste dem Viertel eine neue soziale Funktion verleihen: Als ein Begegnungs- und Dialogort aller Bevölkerungsschichten. Zudem könne man erstmals in der Geschichte Beiruts die Besetzung zahlreicher leerer Gebäude beobachten. Das ehemalige Kino, im Volksmund als »das Ei« bekannt, sei hierfür ein Beispiel. Die Protestler halten dort Vorlesungen und Debatten ab. Am späteren Abend werden dort Filmvorführungen und Partys organisiert.

 

Doch lange hielt diese urbane Utopie nicht an. Am 29. Oktober ließen Amal und Hizbullah ihre Schergen auf die Aktivisten an der Hauptstraßenblockade nahe Downtown los. Armee und Sicherheitskräfte schritten erst spät ein. Die Anhänger der beiden schiitischen Parteien machten auch nicht vor dem Märtyrer- und dem Riad Al-Solh Plätzen halt. Dort rissen sie die Zelte nieder und zerstörten zahlreiche Tische und Stühle. Auf beiden Seiten gab es Verletzte. Innerhalb weniger Minuten war vom politischen Volksfest nicht mehr viel übrig. Noch am vorherigen Tag waren mit Zuckerwatte und Flaggen bepackte Familien von Stand zu Stand geschlendert.

 

Doch die Menschen am Märtyrerplatz geben sich nicht geschlagen. Die Zelte werden wieder aufgebaut und die Wasserpfeifen kehren zurück. Keine Stunde später gibt Ministerpräsident Saad Hariri seinen Rücktritt bekannt, der Sohn des 2005 ermordeten Ministerpräsidenten. Die Menschen jubeln, halten spontane Reden. Und das in Downtown, dem Viertel das Saad Hariris Vater wieder aufbauen ließ und seitdem von manchen Beirutern auch spöttisch »Hariri City« genannt wird.

Von: 
Mounir Zahran

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