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Filme aus Algerien

Aufarbeitung auf der Leinwand

Feature
»Neue Filme aus Algerien«
Szene aus »Bla Cinima« (2014) von Lamine Ammar Khodja: Das frisch renovierte »Sierra Maestra« im Zentrum von Algier stammt aus einer vergangenen Zeit, in der es Hunderte von Lichtspielhäusern im Land gab. Heute ist es eher spärlich besucht.

Das junge algerische Kino hat etwas in Bewegung gebracht: Zum einen mit seinen Filmen, die international viel Beachtung finden und ausgezeichnet werden, zum anderen, weil sich die Filmemacher für die Wiederbelebung der Kinokultur in Algier einsetzen.

In Algerien hat sich in den letzten Jahren eine junge Generation von Filmemachern und Filmemacherinnen formiert, die sich in ihren Arbeiten auf vielfältige Weise mit der aktuellen Situation im Land befassen – und dabei zugleich Bezug nehmen auf seine Vergangenheit.

»Le Jardin d’Essai« (2016) von Dania Reymond
In einem während der Kolonialzeit in Algier angelegten Park finden Casting und Proben für einen Film statt. Der Regisseur (Samir El Hakim) arbeitet mit einem Märchen, in dem es um die Belagerung einer Stadt geht.

Die künstlerische Auseinandersetzung mit der Geschichte Algeriens – wie dem historischen und kulturellen Erbe der Kolonialzeit, dem Unabhängigkeitskrieg (1954–62) und der »dunklen Dekade« (1991–2001) – ist angesichts zahlreicher gesellschaftlicher Tabus keine Selbstverständlichkeit. Vor allem über den blutigen Terror der 90er Jahre, als der Krieg zwischen islamistischen Gruppen und dem Militär 200.000 Tote forderte, herrscht in Algerien weitgehend Schweigen.

»Neue Filme aus Algerien«
Die Reste von Ouled Allal, südlich von Algier, die 1997 im Krieg zwischen Islamisten und dem Militär komplett zerstört wurde. Die stille Kontemplation von Ruinen und Natur geht allmählich über in Erinnerungen an die Katastrophe.

 

Vor diesem Hintergrund präsentiert das Berliner Kino Arsenal sieben Filme aus den Jahren 2013 bis 2017, die meisten davon als Berliner Premiere, die die Nachwirkungen der Vergangenheit in der Gegenwart sondieren. Sie bieten Einblick in eine über verschiedene Generationen und Schichten hinweg traumatisierte Gesellschaft und zeigen ein Land im Stillstand.

»Neue Filme aus Algerien«
Ein Neurologe wird kurz vor der Hochzeit mit seiner Cousine von einem Vorfall im Bürgerkrieg eingeholt. Alle stellen sich die Frage nach der richtigen Entscheidung – zwischen Pragmatismus und Begehren, Verdrängung und Verantwortung.

Die Last des Unausgesprochenen, die Narben der Geschichte und das Ausmaß der Not der jungen Generation werden in allen Filmen des Programms deutlich, ob dokumentarisch, essayistisch oder fiktional angelegt. Die Konturen des heutigen Algerien zeichnen sich in der Überlagerung von Vergangenheit und Gegenwart ab.

»Neue Filme aus Algerien«
Die Dämonen der Vergangenheit bekommen es mit der Vitalität von Kindern zu tun, die sich die Geschichte aneignen und neu erfinden. Der Film inszeniert die Kolonialzeit, den Unabhängigkeitskrieg und den Kampf gegen die Franzosen als Spiel.

 

Narimane Mari, die im vergangenen Jahr mit »Le Fort des Fous« bei der documenta eingeladen war, Djamel Kerkar, dessen Film »Atlal 2016« mit dem »Grand Prix des FID Marseille« prämiert wurde, und Karim Moussaoui, der mit »En attendant les hirondelles« die Sektion »Un certain regard« 2017 in Cannes eröffnete, werden ihre Filme mit dem Publikum diskutieren. Außerdem findet am 6. Mai ein Podiumsgespräch statt, das sich mit den Bedingungen des Filmemachens und der Situation der unabhängigen Kinokultur in Algerien beschäftigt.

»Neue Filme aus Algerien«
Der Fluss Oued El Kebir hat seine Quelle im Atlas-Gebirge auf 1.525 Meter Höhe; 40 Kilometer weiter mündet er westlich von Algier ins Mittelmeer. Seinem Lauf folgend ergeben zahlreiche Eindrücke ein vielstimmiges Bild von Algerien.

The Past in the Present – Neue Filme aus Algerien
3. bis 6. Mai 2018 im Kino Arsenal
Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin
www.arsenal-berlin.de

 

»The Past in the Present – Neue Filme aus Algerien« wurde von Birgit Kohler (Arsenal – Institut für Film und Videokunst) kuratiert und ist eine Kooperation mit dem Leibniz-Zentrum Moderner Orient und dem Goethe-Institut Algerien.

Von: 
zenith-Redaktion

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