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Organisationen des Islamischen Staates in Afrika

Afrika ist das neue Standbein des IS

Analyse
Organisationen des Islamischen Staates in Afrika
Niederländische Soldaten der Multidimensionalen Integrierten Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali (MINUSMA) www.defensie.nl

In Nigeria ist Boko Haram auf dem Rückzug – dafür erfindet sich der IS in Westafrika neu, schließt Bündnisse und offenbart eine bessere Kenntnis der Region als die multinationalen Streitkräfte. Europa braucht eine klar definierte Sahelpolitik.

Dass die Sorgen über die Rückkehr des IS berechtigt sind, darauf deuten die steigende Anzahl von IS-Anschlägen in Syrien und im Irak hin. Doch noch weitgehend unter dem Radar ist die Gefahr, die von IS-Ablegern weltweit ausgeht – und weiter steigt. Insbesondere in der Sahel- und Tschadseeregion – Mali, Burkina Faso, Niger, Tschad, Nigeria und Kamerun – werden die Kapazitäten des IS übersehen oder schlichtweg ignoriert.

 

Doch auch bei vielen Kennern der Region bleibt das Bild unklar: Wie stark ist sie von Terrorismus betroffen? Wie stark ist der IS im Sahel und rund um den Tschadsee wirklich und wie gestaltet sich die Dynamik zwischen dem IS und den anderen dschihadistischen Organisationen wie Al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM) oder Al-Murabitun (seit 2017 unter dem Namen »Jamāʿat Nusrat al-Islām wa-l-Muslimīn – Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime« – JNIM bekannt)? Welchen Einfluss haben die Konflikte auf das Engagement der Bundesrepublik und könnte die Region ein Sprungbrett für einen neuen Aufschwung von IS-Aktivitäten weltweit werden?

 

Dass die Gewalt durch Terrorismus im Sahel und in der Tschadseeregion zunimmt, machen die Zahlen deutlich. Vom 1. Januar 2017 bis September 2019 gab es etwa 1.115 Anschläge, zu denen sich entweder die JNIM oder der IS bekannten. Der »Islamische Staat Westafrikanische Provinz« (ISWAP) ist ein Zusammenschluss verschiedener dschihadistischer Gruppen, darunter einer Splittergruppe von Boko Haram in Nigeria und der bereits bestehenden IS-Gruppe »Islamischer Staat im Großraum Sahara« (ISGS). Ein ehemaliges Mitglied der »Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika« (MUJAO) hatte den ISGS 2015 gegründet.

 

Der IS hat Kapazitäten geschaffen, ganze Landstriche de facto zu beherrschen, Einkommen zu generieren und militärische Schlagkraft zu demonstrieren.

 

Doch größeren Aussagewert als die absoluten Zahlen hat der sprunghafte Anstieg der Anschläge seit Jahresbeginn: Bis Mitte 2019 wurden bereits 455 Anschläge verzeichnet – im gesamten Jahr 2017 waren es noch 303 gewesen, 333 im Jahr 2018. Lässt man Nigeria und Kamerun außen vor und blickt nur auf die Sahelländer, ist die Situation noch dramatischer: 49 Anschläge 2017; 146 im Jahr 2018 und bis Mitte September 2019 bereits 310. Die Anzahl an Anschlägen in der Sahelregion, vor allen in Burkina Faso und im Niger, hat sich also seit 2017 jedes Jahr mindestens verdoppelt.

 

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Der IS in Westafrika ist weder besiegt, noch befindet er sich auf dem Rückzug. Ganz im Gegenteil: Er hat Kapazitäten geschaffen, ganze Landstriche de facto zu beherrschen, Einkommen zu generieren und militärische Schlagkraft zu demonstrieren.

 

Im Zuge dieser Konsolidierung traten in den vergangenen Jahren auch immer wieder Differenzen über Prioritäten zutage. Die IS-Zentrale warf etwa dem Boko-Haram-Führer Abubakar Schekau vor, in zu engem Rahmen zu operieren. Schekau strebt grundsätzlich eine Rückkehr zu den Grenzen des mittelalterlichen Reichs Kanem-Bornu an, also die Region rund um den Tschadsee sowie der Nordosten Nigerias. Doch der IS hegt – nicht nur in Afrika – überregionale Ambitionen. Auch deshalb wurde der ISWAP aus der Taufe gehoben. Die Organisation soll den Anspruch des IS in Afrika verkörpern und neue Territorien, Ressourcen und Unterstützung gewinnen, nicht zuletzt zugunsten der geschwächten Zentrale im Nahen Osten.

 

Seit 2017 schlagen die Dschihadisten immer häufiger in Kamerun, Tschad und im Niger zu.

 

Seit Juni 2017 fährt der ISWAP eine sehr aggressive Dreifach-Strategie, einerseits gegen die nigerianische Armee und deren tschadische und nigrische Koalitionspartner, andererseits gegen Schekau selbst, um die verbliebene Konkurrenz von Boko Haram auszuschalten. Nigerias Armee musste in den vergangenen Monaten zahlreiche Verluste verkraften – daraufhin ordnete die Staatsführung den Rückzug der Streitkräfte in hochgesicherte sogenannte Supercamps an.

 

Auch die Strategie, den Konflikt auszuweiten, treibt der neue IS-Ableger weiter voran. Seit 2017 schlagen die Dschihadisten immer häufiger in den Nachbarstaaten Kamerun, Tschad und Niger zu.

 

Zudem hat sich der ISWAP in Teilen der Tschadseeregion die Kontrolle über den Handel mit Kohle sowie mit Fisch gesichert und generiert so mittlerweile geschätzt zwei Millionen US-Dollar pro Monat an zusätzlichem Einkommen. Und auch die einst gefürchtete Boko Haram verlor Ressourcen, Kämpfer und Einflussgebiete an den IS. Doch zum vollständigen Bild gehört auch die Tatsache, dass der ISWAP es geschafft hat, Teile der Bevölkerung für sich zu gewinnen, etwa durch Warnungen vor Angriffen, Reduktion ziviler Opfer bei Anschlägen und durch seine Rolle als Dienstleister für Versorgungsgüter für die Zivilbevölkerung.

 

Seit wenigen Monaten fährt der ISWAP seine Präsenz in Nordwestnigeria hoch, insbesondere in den Bundesstaaten Zamfara und Kaduna. Hier schafft sich die Organisation Rückzugsorte – inoffizielle Stützpunkte, die nach und nach durch den Zuzug von Dschihadisten aus der Tschadseeregion dort angesiedelt werden.

 

Die Verlagerung gen Nigeria hat aber auch wirtschaftliche Ursachen. Der militärische Druck multinationaler Missionen im Norden Nigers und Tschads sowie im Süden Libyens hat eine neue Priorisierung von Schmuggelrouten im Sahel zur Folge. Die Ost-West-Achse, die im Norden der Region verläuft, machte südlichen Routen Platz, um dem Druck auszuweichen. Konkret hat das zur Folge, dass die bevorzugte Route für den Schmuggel von Menschen, Waffen und Drogen jetzt durch Nord-Nigeria führt, durch Südwest-Niger, Ost-Burkina Faso, über Mali bis nach Algerien und Marokko. Eine Abzweigung dieser Route geht erst durch Benin, Togo und Ghana, durch Guinea und die Elfenbeinküste, dann durch Mali und Mauretanien bis Marokko und Algerien.

 

Die Koordination zwischen den IS-Ablegern spiegelt sich auch in der Propaganda wider.

 

Ein genauer Blick auf die Anschlagszahlen seit 2018 enthüllt, dass ISGS und ISWAP vor allem in jenen Regionen aktiv werden, durch die die neuen Routen verlaufen. Die territorialen Eroberungen und die nachfolgende Konsolidierung dieser Gebietsgewinne folgen also nicht zuletzt wirtschaftlichen Motiven. Diese Verlagerung zeigt, wie effektiv diese Organisationen mit den Veränderungen der Sicherheitslage in der Region umgehen und sogar zum eigenen Vorteil nutzbar machen können.

 

Die Ausbreitung der ISWAP-Aktivitäten folgt aber auch einer noch umfassenderen Strategie: Denn der IS hat seinen Blick auf den gesamten Kontinent gerichtet. Verschiedene Quellen weisen darauf hin, dass einige Mitglieder des »Kabinetts« der IS-Zentrale Afrika als die Säule sehen, aus der das »Kalifat« wieder entstehen und sich stützen könnte. Das bedeutet aber nicht, dass ISWAP und ISGS bloße Befehlsempfänger sind, denn beide Organisationen operieren unabhängig voneinander. Deshalb muss man in diesem Zusammenhang eher von Koordination, Beratung und Begleitung sprechen als von Kontrolle.

 

Bisher hat die IS-Zentrale ihre Ableger in Westafrika sehr erfolgreich koordiniert. Dazu gehört nicht nur die Weitergabe von operativer Erfahrung. Vor allem hat sie erreicht, dass ISGS und ISWAP sich nicht in die Quere kommen und sich stattdessen eher ergänzen, sowohl mit Blick auf Taktik und Ressourcen als auch in logistischen Fragen. De facto haben sich beide Organisationen die Region untereinander aufgeteilt. Der ISGS operiert im Westen Nigers und im Norden, Osten und Süden Burkina Fasos, der ISWAP östlich davon. Das Resultat: Seit Mitte 2018 verstetigt sich ein »IS-Korridor«, der von der Tschadseeregion bis Mali reicht.

 

Die Koordination zwischen den IS-Ablegern spiegelt sich auch in der Propaganda wider. Der ISWAP hat mehrfach Anschläge in Mali und Burkina Faso für sich beansprucht, die vom ISGS verübt wurden, ohne dass es zu Konflikten zwischen beiden Gruppen kam. In der Tat meldet sich der ISWAP seit Juli 2018 nicht nur wöchentlich, sondern fast täglich zu Wort, entweder über das IS-Zentralmedium Amaq oder durch eigene Publikationen wie Al-Naba.

 

Die JNIM blickt mit Sorge auf die Aktivitäten des IS in Libyen, Nigeria und auf dem Sinai.

 

Einfluss und Macht der IS-Ableger in Afrika wachsen rasant. Nichtsdestotrotz vermeiden sie Konflikte, sowohl mit den anderen dschihadistischen Gruppen wie JNIM oder Ansarul Islam, als auch mit den zahlreichen organisierten und nicht-organisierten kriminellen Organisationen, die dort aktiv sind. Wie ist das überhaupt möglich?

 

Ethnie, Stamm und Familien-Historie sind die Adern der afrikanischen Gesellschaftsdynamik, weit über die Grenzen Afrikas hinaus. Diese Dynamik spielt für die stabilen Verhältnisse zwischen den verschiedenen kriminellen Organisationen der Sahelzone eine große Rolle und erlaubt die Ausbreitung von Einfluss und Macht terroristischer Organisationen.

 

Dennoch ist das Verhältnis zwischen rivalisierenden dschihadistischen Organisationen in Afrika alles andere als spannungsfrei. Insbesondere die JNIM blickt mit Sorge auf die Aktivitäten des IS in Libyen, Nigeria und auf dem Sinai. Der Hauptgrund für diese Haltung ist der Zugang zur illegalen Wirtschaft, deren Ökosystem durch einen zusätzlichen terroristischen Akteur gestört wurde, und der einen Kampf um Schmuggelrouten, Schleuser, Material und Preise zwischen traditionellen Schmuggel-Stämmen wie den Tuareg und den Tubu sowie zwischen IS- und AQMI-Vertretern ausgelöst hat.

 

Um dieser Spannungen Herr zu werden, trafen sich im Januar 2017 Vertreter von AQMI, Al-Murabitun, Ansar Eddin und des IS in Algerien und vereinbarten einen temporären Waffenstillstand. Doch weil der finanzielle Druck auf den IS durch die Lage in Syrien und im Irak gestiegen war, hielten sich die IS-Kämpfer bald nicht mehr an die Einigung. Im Zuge des Machtkampfs über die Kontrolle des Geschäfts mit Drogen, Waffen und Menschen gewann der JNIM die Oberhand über die Geschäfte und zwang den IS zu einem neuen Kompromiss.

 

Das Resultat: eine logistische Ergänzung der Schmuggelwirtschaft zum Vorteil der Terroristen und der organisierten Kriminalität.

 

Beim nächsten Treffen im Januar 2018 wurde der Zugang zu den Schmuggelrouten und den Regionen aufgeteilt. Beide Organisationen einigten sich darauf, einerseits die Hauptrouten bis zu einem bestimmten Punkt gemeinsam zu nutzen, andererseits die Ladung danach untereinander aufzuteilen und auf exklusive Routen zu schicken. Den Sahel ab Burkina Faso und Richtung Tschadseeregion hat der IS für sich reklamiert, in Mali und im Norden Burkina Fasos in Richtung Westen dominiert die JNIM das Geschäft. In den drei Kriminalitätshochburgen des Sahel – Dem »Réserve Partielle du Sahel« (Burkina Faso), »Réserve Temporaire de Faune d‘Ansongo-Ménaka« (Mali) und dem »Parc National W du Niger« (Niger) – der sogenannten »Région des trois frontières«, sind alle Organisationen aktiv, ohne bestimmte territoriale Ansprüche zu definieren und koordiniert über Familien-, Stammes- und Wirtschafts-Beziehungen.

 

Das Resultat ist nicht nur ein auf Eigeninteressen basierender Waffenstillstand zwischen dem IS und JNIM in Afrika, sondern auch eine logistische Ergänzung der Schmuggelwirtschaft zum Vorteil der Terroristen und der organisierten Kriminalität, die – ungeachtet der wachsenden Macht terroristischer Organisationen – weiterhin über Schmuggelgeschäfte und die dazugehörigen Routen herrscht.

 

Diese Zusammenarbeit, in Kombination mit den persönlichen und auf Stammesbeziehungen basierten Netzwerken, erlaubt es kriminellen Organisationen, ohne große Sorge vor Konkurrenz oder intrakriminellen Konflikten zu operieren. Und die dschihadistischen Organisationen wiederum können sich auf den Ausbau und die Konsolidierung ihrer Dominanz kümmern, was wiederum mehr Kapazitäten schafft, um die lokalen und internationalen Sicherheitskräfte vor Ort erfolgreich zu bekämpfen. Mit dem Ergebnis, dass der IS und JNIM jetzt de facto über große Teile Malis, Burkina Fasos, Nigers und Nigerias herrschen und vom Tschadsee bis nach Algerien und Libyen Einfluss nehmen. Es ist also kein Wunder, dass trotz steigender Präsenz internationaler Streitkräfte im Sahel dschihadistische Organisationen in der Region an Macht gewinnen, da sie ihre Aktivitäten besser koordinieren können.

 

Und wie reagiert Europa, insbesondere die Bundesrepublik? Zwar engagiert sich auch Deutschland immer stärker in der Sahelregion, unter anderem durch das Programm »Compact with Africa« oder die neueste »Sahel-Initiative«, allerdings oft ohne die notwendige genaue Kenntnis der Situation vor Ort. Die Sahelregion wird zwar oft als »Außengrenze der EU« bezeichnet und auch das finanzielle Engagement ist gestiegen, während der Bundeswehreinsatz sich mittlerweile verstetigt hat. Andererseits ist dieses Engagement sehr zurückhaltend, wenn nicht sogar widersprüchlich. Es gibt de facto weder eine deutsche Afrikapolitik, noch ein wahres Interesse daran, sich in der Region zu engagieren, was zu einer minimalen Wirkung des bestehenden Engagements führt. Kurz gesagt, fühlt Deutschland sich zwar gezwungen, vor Ort zu sein, unter anderem auf Druck der EU-Partner wie Frankreich oder der Niederlande, aber im Grunde will es das gar nicht.

 

Ein erster Schritt wäre schon die Ausformulierung einer klaren und kenntnisreichen Sahelpolitik.

 

Diese widersprüchliche Haltung sorgt für Frustration und Verwirrung in vielen afrikanischen Ländern. Deutschland steht für Qualität und Präzision und wird nicht mit demselben Ressentiment – wenn nicht gar Hass – betrachtet wie Frankreich, Großbritannien oder die Vereinigten Staaten. Deutschland hat also die notwendige Glaubwürdigkeit, um als Mediator eine wichtige Rolle zu spielen.

 

Aber wie mehrere Personen aus afrikanischen diplomatischen Kreisen mir beschrieben haben, ist Deutschland einfach nicht in der Lage, diese Rolle zu übernehmen: »Die Ahnungslosigkeit, das Unwissen und die Ignoranz, was Afrika betrifft, die in wichtigen politischen Entscheidungskreisen und Teilen der Entwicklungshilfe vorherrschen, vor allem in Bezug auf die Situation im Sahel, ist einfach beleidigend. Das Wissen über und Interesse an der Region sind leider einfach nicht vorhanden beziehungsweise zu oberflächlich«, sagte mir ein Diplomat aus Westafrika, der namentlich hier nicht genannt werden möchte. Letztendlich hat die Situation im Sahel, trotz anderslautender Äußerungen der Bundesregierung, in der Tat keine Priorität, was wiederum direkte Auswirkungen auf die Qualität des Engagements hat.

 

Hat Deutschland überhaupt ein Interesse daran, sein Engagement qualitativ aufzuwerten? In Bezug auf Terrorismusbekämpfung sollte diese Frage mit einem klaren Ja beantwortet werden, weil Deutschland, wie viele andere europäische Länder, von IS-Anschlägen betroffen war. Eine Situation, die unter anderem durch einen ursprünglichen Mangel an Interesse für die Entwicklung des IS im Irak und in Syrien entstanden ist.

 

Es gibt viele Parallelen zwischen den Konflikten in den Sahel-/Tschadseeregionen und jenen in Syrien und im Irak, zumindest in Bezug auf Entwicklung, Verbreitung, Einfluss und Reichweite von dschihadistischen Organisationen. Da wir in einer Ära von globalisierten Bedrohungen leben, sollte das allein schon ein wichtiger Grund für ein größeres Engagement sein, vor allem, wenn man der Maßgabe folgt, dass die Sicherheit Europas mit der Sicherheit Afrikas verbunden ist.

 

Mehr Engagement muss nicht unbedingt gleichbedeutend mit militärischer Aufrüstung sein. Ein erster Schritt wäre schon die Ausformulierung einer klaren, sinnvollen, kenntnisreichen und wirksamen »Sahelpolitik«, um der Pandemie des Terrors in der Region die Stirn zu bieten.

 

Entscheidungsträgern und Sicherheitspersonal fällt es noch immer schwer, die Spielregeln einer globalisierten Welt zu verstehen.

 

Die Sahel- und Tschadseeregionen sind Grauzonen mit vielen Schattierungen, in denen Wirtschaft und viele andere Aspekte des Alltag gleichzeitig existieren, legal und illegal, formell und informell. Natürlich muss eine sinnvolle Afrika- und Sicherheitspolitik der EU oder Deutschlands unbedingt auch den Vertrauensverlust in staatliche Institutionen und Akteure, Korruption, Naturkatastrophen, Armut und Arbeitslosigkeit besser verstehen und steuern, um einen wirksamen Beitrag gegen Terrorismus und andere Unsicherheitsfaktoren vor Ort zu leisten.

 

Entscheidungsträgern und Sicherheitspersonal fällt es noch immer schwer, die Spielregeln einer globalisierten Welt zu verstehen: Grenzen sind kein Hindernis für Kommunikation und Koordination. Der IS und andere dschihadistische und kriminelle Organisationen haben das verstanden und nutzen diese Mechanismen, um ihre Kapazitäten, Reichweite und Macht auszubauen.

 

Die Entwicklungen im Sahel und in der Tschadseeregion vollziehen sich in rasantem Tempo. Ein »Korridor des Terrors« vom Tschadsee bis nach Algerien und Libyen ist kein theoretisches, sondern inzwischen ein sehr realistisches Szenario. Ressourcen, Macht und Anziehungskraft in Afrika schaffen dschihadistischen Organisationen wie dem IS ein starkes zweites Standbein, um den Aktionsradius auszuweiten – und möglicherweise eine Basis, um auch in Europa zuzuschlagen, so wie es der IS in Syrien und im Irak bereits vorgemacht hat.

Von: 
Yan St-Pierre

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