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Sedat Peker, das System Erdoğan und die AKP

Der Präsident und der Pate

Analyse
Sedat Peker, das System Erdoğan und die AKP
Sedat Peker (M.) ist die wohl öffentlichste Figur der türkischen Unterwelt.

Der türkische Mafioso Sedat Peker packt seit Wochen in millionenfach geklickten YouTube-Videos aus: über Verstrickungen zwischen staatlichen Institutionen, hochrangigen Politikern und Kriminellen. Was macht das mit dem System Erdoğan?

Ein Mann, das Hemd weit aufgeknöpft, auf der Brust schimmert eine Goldkette, sitzt an einem Tisch in einem Raum, der aussieht wie ein Konferenzzimmer. Auf dem Tisch liegen Papierstapel und Bücher, von Mario Puzo zum Beispiel, dem Autoren von »Der Pate«. Er spricht mal aufgeregt, mal ruhig, gestikuliert, lacht immer wieder laut auf – und hält so ein ganzes Land in Atem.

 

Sedat Peker, mittlerweile von Interpol gesucht, plaudert seit Ende April in YouTube-Videos über die Mächtigen der Türkei: über Innenminister Süleyman Soylu, Ex-Regierungsmitglieder wie Mehmet Ağar und und den Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten Binali Yıldırım. Es geht um Auftragsmorde und Drogenschmuggel, Vergewaltigungen und Intrigen.

 

Die neun bisher veröffentlichten Videos schlagen hohe Wellen, wurden auf Youtube insgesamt 100 Millionen Mal geklickt. In Politik und Medien ist die Aufregung groß. Immer wieder fällt der Begriff »tiefer Staat«, ein Chiffre für die Verflechtung von Militär, Geheimdiensten, Politik, Justiz, Verwaltung, Rechtsextremismus und organisiertem Verbrechen.

 

Er liest gerne Bücher und hasst es, wenn Leute lügen. Was klingt wie der Steckbrief eines netten Fünfjährigen, ist Sedat Pekers Selbstbeschreibung auf seiner Website. Peker träumt von einem großtürkischen Reich und schreibt vorrangig in Großbuchstaben.

 

Peker hält sich zurzeit nach eigenen Angaben in Dubai auf

 

Peker, der sich seilbst »Reis«, also »Präsident« oder »Führer« nennt, steht seit vielen Jahren im Rampenlicht: Seit den Neunzigern wird er als führende Persönlichkeit des Untergrunds gehandelt, regelmäßig wird über ihn berichtet. Neben einem YouTube-Kanal betreibt er auch eine eigene Website und einen Twitter-Account. Dreimal saß er bereits im Gefängnis, wegen Mord, Bildung von kriminellen Vereinigungen und Dokumentenfälschung. Anhänger der Grauen Wölfe und andere Rechtsextreme feiern ihn, der den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die die Friedenspetition von »Academics for Peace« unterschrieben, androhte, in »ihrem Blut baden« zu wollen.

 

Nachdem Peker 2014 frühzeitig aus der Haft entlassen wurde, bekundete der heute 49-Jährige seine Loyalität zu Erdoğan, die beiden Männer traten sogar gemeinsam in ihrer Heimatstadt Rize auf. Im Herbst 2019 ging Sedat Peker nach Nordmazedonien, im Frühjahr 2021 wurde er abgeschoben und zog weiter in den Kosovo, zurzeit hält er sich nach eigenen Angaben in Dubai auf.

 

Pekers Anschuldigungen reichen weit: Innenminister Süleyman Soylu soll jahrelang die Dienste von organisierten Kriminellen in Anspruch genommen haben, Peker selbst will ihm beim politischen Aufstieg geholfen haben und im Gegenzug von ihm protegiert worden sein. Als Soylu im Frühling 2020 ein Rücktrittsgesuch einreichte, dass Erdoğan ablehnte, habe Peker seine Finger im Spiel gehabt und die Solidaritätsbekundungen auf den sozialen Medien mitinszeniert, um Soylus Machtposition zu stärken, behauptet der Mafiaboss.

 

Der Innenminister, von Peker ironisch »Süleyman der Saubere« genannt, wies in einem dreistündigen Fernsehinterview alle Anschuldigungen von sich, und nach langem Schweigen hat sich auch der Präsident Erdoğan zur Causa Soylu gemeldet: Er stehe hinter seinem Innenminister, verkündete er am 26. Mai. Soylu hat Strafanzeige gegen Peker erstattet.

 

Doch nicht nur »Süleyman der Saubere« steht im Fadenkreuz von Sedat Peker: Auch den ehemaligen Innenminister und Polizeichef Mehmet Ağar und den Ex-Ministerpräsidenten Binali Yıldırım sowie die Söhne der beiden mächtigen Männer greift er an. Yıldırım Junior soll in Drogenschmuggelaktionen in Venezuela verwickelt, Mehmet Ağar Teil eines Drogennetzwerks sein. Tolga Ağar, Sohn des Ex-Innenministers und AKP-Parlamentsabgeordneter, so Peker, habe eine Frau ermordet, die ihn beschuldigte, sie vergewaltigt zu haben. Auch Erdoğans Schwiegersohn Berat Albayrak, Ex-Finanzminister, soll in Ağars Geschäfte verwickelt sein.

 

In seinem siebten Video behauptet Sedat Peker, dass die Türkei heimlich Waffen nach Syrien geliefert habe – an Hayat Tahrir Al-Scham, die frühere Nusra-Front. Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, wurde 2015, nachdem er über ebenjene Waffenlieferungen berichtet hatte, der Spionage angeklagt und festgenommen. Nachdem Peker Dündar früher regelmäßig bedroht hatte, sagt er jetzt, der Journalist sei zu Unrecht verurteilt worden.

 

Die Freundschaft zwischen Peker und Erdoğan scheint also zu bröckeln: Selbst wenn Peker bisher in seinen Videos den Präsidenten nicht direkt angegriffen hat, stehen die AKP und die Regierung durch seine Anschuldigungen in schlechtem Licht da. Erdoğans Regierung, so der Präsident, habe dem Land Frieden gebracht, indem sie gegen genau solche kriminellen Banden vorgegangen sei. Am 9. April wurde die Villa Pekers in Istanbul durchsucht und Großrazzien bei seinen Kompagnons durchgeführt.

 

»Das würde bedeuten, dass nun eine Mafiastruktur durch eine andere ersetzt wurde«

 

Zumindest nach außen hin scheint es, als hätten Peker und Erdoğan miteinander gebrochen. Aber einiges lässt auch vermuten, dass Pekers Veröffentlichungen vielleicht doch in Erdoğans Interesse sind: Binali Yıldırım und Süleyman Soylu sind zwei der wichtigsten Männer in Erdoğans Kreisen, und beide streben nach mehr Macht. Soylu wird sogar als eventueller Präsidentschaftskandidat gehandelt, sagt Ozan Demircan, Türkei-Korrespondent des Handelsblatts. »Die rücken Erdoğan ganz schön auf die Pelle. Erdoğan hat kein Interesse daran, dass ihm jemand zu nahe kommt in diesem ganzen Machtspiel in Ankara«, glaubt Demircan im Gespräch mit zenith. »Wenn man berücksichtigt, dass Peker in seinen Videos Yıldırım und Soylu angreift, aber nicht direkt den Präsidenten, schließt sich der Kreis.«

 

Doch warum hat Sedat Peker sich entschlossen, gerade jetzt auszupacken? Hier spielt eine weitere Persönlichkeit der Unterwelt eine Schlüsselrolle: Alaattin Çakici. Der rechtsextreme Mafiapatron und Ex-Agent des türkischen Geheimdienstes, der mehrmals wegen Mordes und Dokumentenfälschung in Haft saß und enge Verbindungen zur rechtsextremen MH-Partei pflegt, wurde im April 2020 unter dubioson Umständen vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen.

 

»Das soll auf Wunsch von MHP-Chef Devlet Bahçeli geschehen sein, und es hieß auch, dass in der Unterwelt Platz geschaffen werden soll für Çakici und seine Aktivitäten, denen Peker im Weg gestanden haben soll«, sagt Demircan. »Da liegt die Vermutung nicht fern, dass Peker in Ungnade gefallen ist und sich verstoßen gefühlt hat. Das würde bedeuten, dass nun eine Mafiastruktur durch eine andere ersetzt wurde und sich vermutlich nicht viel ändert.«

 

Drohungen aus dem Milieu Çakicis waren also wohl der Grund für Pekers Flucht aus der Türkei im Herbst 2019. Laut Peker habe ihm Innenminister Soylu selbst geraten, für eine Weile das Land zu verlassen. Während seiner Abwesenheit ordnete Soylu dann diesen April die Großrazzien auf Pekers Netzwerk und eine Durchsuchung seiner Villa an.

 

Diese Hausdurchsuchung, bei der laut Peker seine Tochter und Gattin bedroht wurden, hat Peker gekränkt. »Rache dürfte also durchaus ein größeres Motiv sein. Es wird ihm auch klargeworden sein, dass zumindest ein Teil des Systems ihn fallen lassen will. Daraufhin hat er sich mit seinen Videos zurückgemeldet«, meint Walter Posch, Turkologe, Iranist und Islamwissenschaftler, der schon im vergangenen Herbst für zenith über türkische Mafia-Strukturen berichtet hat.

 

Sowohl Erdoğans Umfragewerte als auch die der AKP sind im Keller, durch die Wirtschaftskrise und das schlechte Pandemiemanagement ist die Unzufriedenheit im Land groß – und jetzt noch Pekers Anschuldigungen dazu. Der Präsident selbst hält sich bislang noch bedeckt. Posch hält das für einen klugen taktischen Zug: »Er wartet ab, wer von seinen potentiellen Diadochen sich selbst kaltstellt.« Dass durch Pekers Anschuldigungen das System Erdoğan ins Wanken gerate, bezweifelt Posch. Der türkische Präsident hätte es immer wieder geschafft, die internationale Gemeinschaft von der Nützlichkeit seiner Postition zu überzeugen, meint der Turkologe. Zudem sei die Opposition alles andere als geeint.

 

Auch Ozan Demircan sieht in den aktuellen Entwicklungen keine große Gefahr für Erdoğan: »Er hat zur Zeit nichts zu befürchten und sitzt seht fest im Sattel – noch mindestens zwei Jahre wird er regieren, dann erst stehen die nächsten Wahlen an«, meint Demircan. »Es schadet vielleicht seinem Ansehen, aber nicht seiner Position. Der einzig verfassungsgemäße Fall für Neuwahlen ist so unwahrscheinlich, dass das Ende der Ära Erdoğan nur eingeläutet werden könnte, wenn er selbst das so möchte.«

 

Dennoch kursieren parteiintern Anschuldigungen. Die »mektup krizi«, die »Briefkrise«, sei laut Demircan dafür exemplarisch: Nachdem Peker behauptet hatte, es gäbe einen Politiker, der monatlich zehntausend Dollar Schmiergeld an die Mafia schicke, sah sich Parlamentspräsident Mustafa Şentop genötigt, Stellung zu nehmen. Şentop schrieb in einen Brief an Soylu, dass die für etwaige Schmiergelder zuständige Behörde das Innenministerium sei. »Şentop hat das zwar nett formuliert, aber direkt mit dem Finger auf Soylu gezeigt. Da sieht man, wie innerhalb der AKP die Einigkeit bröckelt«, sagt Ozan Demircan.

 

Peker bestätigt Gerüchte, die schon lange kursieren

 

Nachdem Sedat Peker Ex-Justizminister Mehmet Ağar beschuldigte, Mitte der 1990er Jahre in die Morde an den Journalisten Kutlu Adalı und Uğur Mumcu verwickelt gewesen zu sein, hat die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Ağar neu aufgerollt. »Bei der Staatsanwaltschaft kann man schon sagen, dass die nichts machen würden, was dem Präsidenten überhaupt nicht gefallen würde«, meint Demircan.

 

Es ist bezeichnend, wie heftig die staatlichen Institutionen auf die Peker-Affäre reagieren. Denn zunächst ist Sedat Peker nur ein Krimineller, der ohne jegliche Beweise Behauptungen aufstellt. Aber er bestätigt mit seinen detailreichen Ausführungen Gerüchte, die schon lange kursieren. »Man hat gewusst, dass diese Verbindung zwischen Mafia, rechtsgerichteten und – wenn auch in viel kleinerem Maße – linksgerichteten Terrorgruppen existieren«, sagt Walter Posch. »Und auch, dass die Türkei ein Narco-Staat ist«.

 

Peker profitiere davon, dass die Öffentlichkeit ein Interesse daran hat, mehr zu erfahren, meint Demircan: »Auf dieser Klaviatur spielt Peker jetzt: Er weiß, dass eigentlich alle davon wissen, und er weiß, dass ihm alle zuhören, wenn er erzählt.«

 

Die türkische Gesellschaft von ganz links bis ganz rechts, von Erdoğan-Hassern bis hin zu Erdoğan-Verehrern, schenkten Peker Gehör – und fast alles wird für bare Münze genommen, erzählt Demircan. Dass der selbsternannte »Reis« einen wunden Punkt getroffen hat, zeigen die Klickzahlen seiner Videos, die Berichterstattung und Reaktionen in den sozialen Medien.

Von: 
Lisa Genzken

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